„Als ich ein Kind war, gab es kein Insta, dafür jeden Tag ab drei RTL2.“ Dieser Vers aus einem Lied¹ von AnnenMayKantereit verdeutlicht: Unterhaltung hielt schon vor dem Smartphone unten. Anders ausgedrückt: Wer 1997 permanent vor dem Fernseher gesessen wäre, hängt heute am Handy. Im Jahr 2025 waren es 36,9 Stunden² pro Woche, die deutsche Jugendliche über Displays gewischt haben. Wenn früher der kleine Jens bis abends vor der Flimmerkiste saß, interessierte das niemanden. Heute hat jeder eine Meinung zur Smartphone-Nutzung. Führende Erziehungswissenschaftler der Universität Augsburg kamen sogar zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass ein Handy-Verbot an Schulen zu weniger Cybermobbing führt.
Klaus Zierer: Die zentrale Beobachtung infolge eines Smartphone-Verbots ist, dass sich die Pausen komplett verändert haben. [...] Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass das Phänomen Cybermobbing zurückgedrängt worden ist.
Hauer, Thomas & René Kirschey: Kein Smartphone im Schulunterricht? Nano | 3sat (2025).
Statt digitaler Häme gibt es also wieder physische Haue auf dem Pausenhof. Die Lehrer an weiterführenden Schulen ärgern sich darüber, dass jeder vierte Grundschulabgänger³ nur über mangelhafte Lesekompetenz verfügt und die Aufmerksamkeitsspanne⁴ der Pennäler stetig zurückgeht. Schuld daran soll aber weder die COVID-19-Pandemie noch die millionenfache Zuwanderung seit 2015 mit all ihren Folgen sein, sondern das Smartphone.
Abseits des Schulkosmos gibt es obendrein zahlreiche Mediziner, die – eigentlich wie immer – vor neuen Technologien und gesellschaftlichen Entwicklungen warnen.
Aus medizinischer Sicht soll die Smartphone-Nutzung heute nicht nur zu Haltungsschäden, Kurzsichtigkeit⁷ und Schlafstörungen führen, sondern auch das Risiko für Altersdemenz erhöhen. Also gibt es für die Warner nur eine Lösung: ein radikales Handy-Verbot bis zum sechzehnten Lebensjahr. Schlecht nur, dass die meisten 12-Jährigen⁸ bereits ein Smartphone besitzen.
Ruhe in die Debatte kann eigentlich nur eine technische Bestandsaufnahme bringen. Zunächst sollten wir uns die Frage stellen, was ein Smartphone eigentlich ist.
Wenn mein Großer und ich spazieren gehen, fotografieren wir manchmal Käfer und fragen eine KI, um welches Insekt es sich handelt. Wir backen mithilfe von Videoanleitungen, und am Abend schauen wir vor dem Einschlafen eine Folge Sandmännchen – alles mit seinem Smartphone. Er führt Videochats über WhatsApp oder Telegram und hört Musik mit seinem Mobilcomputer. Er ist sieben Jahre alt. In welch tollem Zeitalter wir leben, in dem jeder das Wissen der Menschheit in seiner Hosentasche trägt. Wo ist also das Problem?
Laut einem EU-Bericht sind derzeit bei jedem vierten Minderjährigen eine problematische, dysfunktionale oder suchtähnliche Smartphonenutzung zu beobachten.
Puff, Bianca: Kommt EU-weites Mindestalter für Social Media? In: ÖKO-TEST Nr. 1 (2026). S. 16.
Konkret fordert das EU-Parlament ein Mindestalter von 16 Jahren für die Nutzung von Plattformen wie TikTok, Instagram, YouTube und Co.
- Es geht also gar nicht um Smartphones, sondern um Social Media.
Im Fokus der Kritik stehen insbesondere Kurzvideos (Shorts). Diese gelten aufgrund von Funktionen wie dem unendlichen Scrollen, Autoplay und personalisierten Empfehlungssystemen⁹ als besonders suchtfördernd.
25 % der Minderjährigen in Deutschland sind also mehr oder minder social-media-süchtig. Das dürfte ungefähr dem Anteil entsprechen, der in bildungsfernen Haushalten aufwächst. Das sind diejenigen, die 1997 auch den ganzen Tag ferngesehen hätten.
- Die arbeitslose, alleinerziehende, adipöse Mutter liegt auf der Couch und scrollt rauchend durch Dating-Apps, während die Tochter daneben ein Herz nach dem anderen für Beauty-Shorts vergibt.
- Oder die Nachkommen der Armutseinwanderer, die sich auf E-Scootern filmen, wie sie Passanten im Vorbeifahren auf den Arm boxen.
Wer den Fahrstuhleffekt kennt, weiß, dass sich diese soziale Gruppe in keiner Weise erreichen lässt.
Harald Schmidt: Der Adel ist immer der Adel. Genau wie die Leute ganz unten, die bleiben immer da.
Die Harald Schmidt Show: Deutsche Gesellschaftsgeschichte mit Playmobil erklärt. youtube.com (07/2026).
In Österreich hat die „Zuckerl-Koalition“ bereits ernst gemacht und ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige auf den Weg gebracht. Das Gesetz soll am 1. Januar 2027 in Kraft treten und Plattformen mit suchtfördernden Funktionen betreffen. Dazu zählen insbesondere Dienste wie TikTok, Instagram und YouTube, die Kurzvideos mithilfe algorithmischer Empfehlungssysteme ausspielen. Messenger wie WhatsApp, Telegram und Signal sollen von dem Gesetz hingegen nicht betroffen sein.
Verbot technisch schwer umsetzbar:
Die bisherigen Erfahrungen aus Australien zeigen, dass das Social-Media-Verbot vor allem durch neu angelegte Konten mit falschem Geburtsdatum oder die Nutzung fremder Accounts umgangen wird. In Down Under obliegt es den Plattformbetreibern, die Altersverifizierung vorzunehmen. Österreich setzt hingegen auf eine staatlich regulierte Altersverifikation und präferiert dafür Lösungen wie das europäische „Mini-Wallet“ oder die heimische ID Austria¹². Beides ist in der Bevölkerung jedoch äußert unbeliebt.
Während in intakten Familien selbstverständlich auf ein gesundes Maß an Medienkonsum geachtet wird, können Eltern in Extremsituationen die Kontrolle über die Bildschirmzeit ihrer Kinder verlieren. So kam ich bei meinem Unternehmen Computerheld Linz selbst schon mit Müttern in Kontakt, die während einer schweren Scheidungs- und Umzugsphase froh darüber waren, dass sich die Kinder über einen längeren Zeitraum selbst beschäftigen konnten.
- In einem Fall nahm die damals neunjährige Tochter an einer TikTok-Challenge teil, bei der es darum ging, sich selbst Verletzungen an Oberschenkeln und Füßen zuzufügen.
- In einem anderen Fall entwickelte ein älteres Teenagermädchen eine Essstörung. Es hatte ebenfalls auf TikTok gesehen, wie man sich mit farbigen Lebensmitteln Markierungen setzt, um sicherzugehen, dass beim Erbrechen der gesamte Mageninhalt entleert wird.
Generell sind Mädchen und junge Frauen sehr empfänglich für Social-Media-Trends.
Durch Social Media werde ein zunehmend rückschrittliches Frauenbild propagiert, so Gauls. Dieses mache besonders junge Frauen anfällig für zwei Suchtformen: die der Essstörung, mit der sie sich an das Idealbild anpassen wollen, und eben die der Sexsucht, mit der sie sich Bestätigung holen möchten.
Geßner, Wiebke: Ich komme. Allein. Auch Frauen können süchtig nach Pornos sein. In: Stern Nr. 23 (2026). S. 91.
Handy-Parkplatz basteln
Auch wenn es manchmal ein bisschen dauert: Eltern erkennen sehr gut, wenn ihre Kinder in eine Social-Media-Falle getappt sind. Dann suchen sie gezielt nach Lösungen, damit ihre Schützlinge wieder einen verantwortungsvollen Medienkonsum erlernen. Verbote – wie von SPD und CDU gefordert – treffen die Falschen und führen zu „Jetzt erst recht!“-Reaktionen. Auch das Einkassieren des Smartphones ist aus meiner Sicht der falsche Weg, da es die Privatsphäre der Minderjährigen verletzt. Besser ist es, den Zugang zum Internet einzuschränken.
- Zuhause kann dies auf technischer Ebene geschehen, indem man die Kinderhandys in ein separates Gastnetz einbindet, dessen WLAN-Signal nur zu vordefinierten Zeiten aktiv ist.
Bei der Oma, der Tante oder bei aktiviertem Volumentarif kann ein Handy-Parkplatz helfen.
📜 Unsere 14,5 cm hohe und 10,5 cm breite Parkscheibe markiert einen Handy-Parkplatz. Mit diesem Lifehack lässt sich zwischen fünf und sechzig Minuten Funkstille erzeugen. Das Basteln des smarten Disziplinierers ist denkbar einfach: Unsere PDF-Schablonen sind bereits vorkoloriert. Neben Schere und Kleber wird lediglich eine Musterbeutelklammer¹³ benötigt.
- Wichtig: Der Handy-Parkplatz funktioniert nur, wenn die geparkten Geräte in einem anderen Raum liegen. Befindet sich das Smartphone in Sichtweite, beeinträchtigt es bereits die Informationsverarbeitung.
In der Nacht und in Gesellschaft ist es durchaus sinnvoll, dass Kinder und Jugendliche ihr Smartphone auf einem nicht sichtbaren Handy-Parkplatz ablegen. Als Disziplinierungsmaßnahme halte ich das Wegnehmen des Handys hingegen für den falschen Weg.
Auch wenn es viele verdrängen: Deutschland ist eine Rentnerrepublik. Über Jahrzehnte hinweg wurden zu wenige Kinder geboren, während gleichzeitig immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen das Land verlassen. Besonders Millennials¹⁵ und Angehörige der Generation Z wandern zunehmend aus – ein Phänomen, über das inzwischen selbst die Tagesschau¹⁶ berichtet.
- Wer als junger Mensch in dieser Situation lebt, braucht sein Smartphone, um mit Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben.
💬 Handy-Parkplatz? Unbedingt! Social Media erst ab 14 Jahren? Dafür sprechen viele gute Gründe. Ein generelles Smartphone-Verbot für Kinder und Jugendliche? Niemals – es wäre vermutlich das Schlimmste, was die Politik jungen Menschen antun könnte.
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¹AnnenMayKantereit: Als ich ein Kind war. youtube.com (07/2026).
²Hauer, Thomas & René Kirschey: Kein Smartphone im Schulunterricht? Nano | 3sat (2025).
³Himmelheber, Jana: IGLU-Studie: Mangelnde Lesekompetenz – was passieren muss. stiftunglesen.de (07/2026).
⁴Florie, Nicole & Thomas Krebs: Smartphone - Fluch oder Segen? Zur Sache! Baden-Württemberg | SWR (2024).
⁵Doe, John: Die rasende Angst. Als Ärzte warnten, dass Züge das Gehirn zerstören. e-bookshelf.de (PDF) (07/2026).
⁶Lind, Stefanie: Die Lesesucht der „Frauenzimmer”. literaturhaus.ch (07/2026).
⁷Bahr, Rebekka: Hirnforscher Spitzer warnt vor Smartphones für Kinder. nordmagazin | NDR (2025).
⁸Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Kinder und Smartphones: Ist mein Kind reif für ein Smartphone? schau-hin.info (07/2026).
⁹Lorenz, Benjamin: EU kritisiert TikTok als zu suchterzeugend. In: c’t Nr. 4 (2026). S. 14.
¹⁰Bleich, Holger: Schnellschuss - Social-Media-Verbot per EU-Wallet: Was der SPD-Plan bedeuten würde. In: c’t Nr. 7 (2026). S. 35.
¹¹Kroisleitner, Oona: So soll das Social-Media-Verbot für Kinder bis 14 Jahre aussehen. derstandard.at (07/2026).
¹²Maier, Aleksander: Pröll enthüllt: Diese Social-Media-Plattformen werden für Unter-14-Jährige verboten. oe24.at (07/2026).
¹³Vetter, Veronika Helga: Wofür sind Musterbeutelklammern und gibt es Alternativen? gws2.de (07/2026).
¹⁴Hessischer Rundfunk: Smartphone-Sucht bei Erwachsenen | Die Ratgeber. youtube.com (07/2026).
¹⁵Freitag-Skarjan, Michelle: Alle wandern gerade aus (verständlich). youtube.com (07/2026).
¹⁶tagesschau: Rekordzahl beim Auswandern: Warum so viele junge Leute gehen. youtube.com (07/2026).







