Zwischen den 1970ern und den 2010er-Jahren erlebte Mitteleuropa eine historische Phase außergewöhnlich günstiger Lebensmittelpreise. Billige Energie, Agrarsubventionen, stabile Lieferketten und ein bis ins Letzte optimierter Einzelhandel sorgten dafür, dass Nahrungsmittel im Verhältnis zum Einkommen immer erschwinglicher wurden. Während die Weltkriegszeugen aus Gewohnheit weiterhin im Garten werkelten, fragten sich die Jüngeren: „Warum tagelang Tomaten ziehen, wenn ich zwei Kilo davon für kleines Geld kaufen kann?“ Kleingartenvereine galten als spießig, in denen eine Karikatur des Hausmeister Krause die zulässige Rasenhöhe mit einem Maßband kontrollierte. Gleichzeitig wirkten 14 Tage All-inclusive in Agadir deutlich attraktiver als die Parzellenpflege in Wanne-Eickel. Auch viele Eigenheimkäufer der goldenen 1990er-Jahre verwandelten ihre Vorgärten lieber in pflegeleichte Schotterflächen: Hauptsache, der Grill stand stabil und das Außengelände machte möglichst wenig Arbeit. Durch hausgemachte und globale Krisen hat sich das Blatt seit der COVID-19-Pandemie jedoch grundlegend gewendet. Während sich die Gen Z heute im Discounter fragt, was genau die sechs schwarzen Kugeln für 4,99 Euro eigentlich darstellen sollen, erinnern sich viele Millennials wehmütig daran, wie sie einst eimerweise Brombeeren aus Omas Garten naschen konnten.
ℹ️ Krisensicherheit, bessere Lebensmittelqualität und der Wunsch, Kosten zu senken: Das sind die wichtigsten Gründe¹ für die Renaissance des Gartenbaus. Bereits 2021 existierten in Deutschland rund 17 Millionen² Privat- und Schrebergärten – ein Rekordwert. Seitdem ist der Flächenverbrauch für Gartenanlagen weiter angestiegen.
Aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes bei gleichzeitig vergleichsweise geringem Ertrag lag der Selbstversorgungsgrad bei Gemüse im Jahr 2023³ bei lediglich 36 %. Werden internationale Lieferketten durch Kriege oder politische Spannungen gestört, schlägt sich die Abhängigkeit von ausländischen Produzenten unmittelbar in den Supermarktpreisen nieder. Deutsches Obst ist für Normalverdiener schon länger nicht mehr bezahlbar, weshalb es ohnehin kaum noch angebaut wird. Die wenigen Obstbauern, die es noch gibt, haben massiv mit Diebstahl zu kämpfen.
Christoph Pfeifer: Vor ein paar Wochen hatten wir relativ häufig Portionsgrößen von 50 Kilogramm und mehr, die von unseren Feldern geholt wurden.
Fehring, Yve: Kampf gegen Obstdiebstahl. Heute in Deutschland | ZDF (2018).
ℹ️ In den 1960er-Jahren⁴ lag der Erzeugerpreis für einen Zentner (50 Kilogramm) Steinobst in Westdeutschland bei etwa 2,00 bis 5,00 DM. Der Selbstversorgungsgrad bei heimischem Obst lag damals deutlich über 100 % – entsprechend günstig waren die Preise für Endverbraucher.
Längst hat es sich herumgesprochen: Wer heutzutage mehr als eine Handvoll Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Aprikosen oder Zwetschgen im Jahr genießen möchte, muss selbst zur Gartenschaufel greifen. Problematisch ist jedoch, dass Wunsch und Wirklichkeit dabei häufig weit auseinanderliegen. Zwar können sich immer mehr junge Menschen vorstellen, einen eigenen Schrebergarten zu bewirtschaften – schließlich klingt die Vorstellung verlockend, mitten in der Großstadt in einer grünen Oase zu grillen und eigenes Obst sowie Gemüse anzubauen.
- Viele unterschätzen jedoch, dass zu einer Vereinsmitgliedschaft verpflichtende Gemeinschaftsarbeit gehört. Konkret bedeutet das: Wege instand halten, das Vereinsheim reinigen oder Container- und Mülldienste übernehmen.
- Zudem handelt es sich bei Kleingärten um öffentlich einsehbare Flächen. Die Heckenhöhen sind meist auf 1,25 Meter⁵ begrenzt, wodurch Nachbarn und Spaziergänger problemlos beobachten können, was im eigenen Garten geschieht.
- Darüber hinaus gibt es in Deutschland zu wenige Parzellen. Wartezeiten zwischen zwei und acht Jahren⁶ sind daher keine Ausnahme, sondern die Regel. Viele Schrebergärten werden innerhalb der Familie weitervererbt oder unter der Hand vermittelt.
Wer trotz all dieser Hürden tatsächlich den Zuschlag für einen Kleingarten erhält, benötigt mehrere Tausend Euro für die Ablöse⁷ – zusätzlich zu den laufenden Pacht- und Nebenkosten. Entsprechend gehören viele Kleingarten-Millennials⁸ eher zur Kategorie „Instagram-Rich-Kid“, die ihre grüne Wohlfühloase mit Schlagworten wie „Biodiversität“ oder „Mischkultur-Beetplan“ möglichst stilvoll in den sozialen Medien vermarktet.
ℹ️ Die Ursprünge der Schrebergärten liegen in den Armen- und Arbeitergärten des 19. Jahrhunderts. Sie dienten dem Industrieproletariat als Möglichkeit zur Selbstversorgung und sollten die Lebensbedingungen der städtischen Unterschicht verbessern.
Die meisten Kleingartenvereine befinden sich in Ostdeutschland, da die DDR-Führung den privaten Anbau von Obst und Gemüse gezielt förderte. Trotz der höheren Parzellendichte ähneln die Probleme jedoch jenen im Westen. Zwar sinkt vielerorts das Durchschnittsalter der Pächter, doch Kinder bleiben in den Anlagen weiterhin Mangelware. Das wirkt besonders widersprüchlich, wenn man bedenkt, dass die erste Schrebervereins-Fläche 1864 in Leipzig ursprünglich als pädagogischer Spiel- und Bewegungsraum für Kinder gedacht war.
Schreber selbst war begeisterter Turner und Mitbegründer des ersten Turnvereins in Leipzig. Er plante Spiel- und Tummelplätze, seine Ideen setzte dann Ernst Hauschild um, ein Schuldirektor.
Arnold, Ronny: Der erste Schrebergarten war ein Spielplatz. deutschlandfunkkultur (05/2026).
Für Maxi und Mia gibt es heute TikTok und Energydrinks – auf Felicitas wartet gezuckerter Rhabarber vor der Gartenlaube. Was überspitzt klingt, ist in Deutschland längst Realität geworden. Gerade vor dem Hintergrund, dass Wohneigentum für weite Teile der Bevölkerung inzwischen unerreichbar ist, ergibt die Bewerbung auf eine Kleingartenparzelle für die untere Mittelschicht immer mehr Sinn. Schließlich berichtet selbst die Tagesschau regelmäßig darüber, dass äußere Schocks⁹ wirtschaftlich schwache Gruppen am härtesten treffen.
- COVID-19 oder Hantavirus-Pandemie? Egal – Freizeit im Schrebergarten.
- Das Schälchen Erdbeeren kostet inzwischen acht Euro? Egal – die kommen ohnehin aus dem eigenen Beet.
„Mama, mir ist langweilig?“ Im Schrebergarten gibt es für Groß und Klein immer etwas zu tun.
Urkunde grüner Daumen
Auch wenn die sozialen Medien inzwischen voller Selbstversorger- und Balkongarten-Tipps sind, fehlt den meisten Menschen nach Arbeit, Haushalt und Familie schlicht die Energie, noch stundenlang in der Erde zu wühlen. Doch es gibt sie: diejenigen, die wissen, dass Heidelbeeren sauren Boden¹⁰ benötigen. Diejenigen, die sich mit Fruchtfolgen, Pflanzlochgrößen, dynamischen Akkumulatoren und torffreier Erde auskennen. Die stillen Helden des Alltags, die Mitstreitern ganz selbstverständlich ein vorgezogenes Salat-Jungpflänzchen oder ein paar Frühblüher mitgeben. Wer solche Menschen im Familien- oder Freundeskreis hat, darf sich glücklich schätzen.
📜 Hinweise: Gärtner versorgen Familie, Freunde und Nachbarn mit wertvollen Lebensmitteln – höchste Zeit, diese Leistung zu honorieren. Aus diesem Grund haben wir spezielle Zertifikate für Gartenmeister entwickelt. Die kostenlose PDF-Datei enthält zwei unterschiedliche Designs, jeweils in weiblicher und männlicher Ansprache. Besonders hochwertig wirken die vorkolorierten Vorlagen, wenn sie auf DIN-A4-Papier mit einer Grammatur zwischen 120 und 160 g/m² ausgedruckt werden.
In der Schweiz nimmt mittlerweile rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel ein. Dahinter steckt oft die Sorge vieler Eltern, Obst und Gemüse aus dem Supermarkt seien längst nicht mehr so nährstoffreich wie früher die Erzeugnisse aus Omas Garten. Wissenschaftlich lässt sich diese Annahme jedoch nicht belegen.
Heute werden andere Sorten angebaut, was sich grundsätzlich auch im Nährstoffgehalt niederschlagen kann. Dieser muss aber nicht zwingend geringer sein als früher.
Bieler, Stéphanie: Nahrungsergänzung: Hilfe oder Hype? In: Wir Eltern Nr. 2 (2026). S. 22.
Nahrungsergänzungsmittel sind – sofern sie nicht ärztlich verordnet wurden – oft nichts weiter als teurer Urin und wirken in vielen Fällen wie ein moderner Ablasshandel für Eltern, die kaum noch regelmäßig frisch kochen. Während in Leitmedien gerne von kostenlosem oder günstigem Schulessen gesprochen wird, sieht die Realität in Südwestdeutschland, Bayern, Österreich und der Schweiz häufig anders aus. Ganztagsschulen mit eigener Mensa sind dort die absolute Ausnahme. Der Unterricht endet meist gegen 13:00 Uhr – und zu Hause warten dann nicht selten Laptop, Smartphone und Frühstücksflocken.
In meinem Millennial-Umfeld hört man von Eltern immer wieder dieselben Rechtfertigungen:
- „Alles wird teurer. Wir müssen immer mehr arbeiten, um unseren Lebensstandard überhaupt halten zu können.“
- „Unsere Eltern kümmern sich nicht um ihre Enkelkinder. Wir haben keine Kraft mehr für ständiges Diskutieren und Gebettel – da bleibt eben manches auf der Strecke.“
Dieser Zeitgeist mag nachvollziehbar sein, trotzdem wirken viele dieser Aussagen eher wie Ausreden. Wenn der Erhalt des Autos oder diverser Unterhaltungsabos wichtiger ist als vernünftige Ernährung, dann setzt eben jeder seine eigenen Prioritäten. Und wer sich dauerhaft auf andere verlässt, ist am Ende sowieso verlassen – das galt bereits zu Bismarcks Zeiten.
Das eigentliche Kernproblem steckt jedoch in einer anderen Aussage:
- „Wie soll ich als alleinerziehende Mutter mittags zu Hause sein? Das funktioniert finanziell einfach nicht.“
Rund 170.000 Ehen werden in Deutschland jedes Jahr geschieden. In etwa der Hälfte der Fälle leben minderjährige Kinder im Haushalt. Die Bereitschaft zu Kompromissen zwischen Männern und Frauen scheint immer weiter abzunehmen. Wie vergiftet viele Debatten inzwischen geführt werden, zeigen die teils unterirdischen Kommentare unter einem YouTube-Short mit einem Ausschnitt aus dem Western „Ein Fressen für die Geier“ (1970).
🥗 Laut Statistischem Bundesamt¹¹ sind 62 % der Männer und 43 % der Frauen übergewichtig. Lieferando und Energy-Drinks am Abend lassen den Bauchumfang wachsen und die Lust sinken. Die sexuelle Aktivität von Menschen unter 30 Jahren¹² geht stetig zurück. Vielleicht fehlt heute die natürliche Aphrodisiaka aus Omas Garten.
Meiner Meinung nach ist eine Ehe wie ein Garten, den zwei Gärtner gemeinsam pflegen. Jeder bringt seine eigenen Samen, Werkzeuge und Ideen mit und darf sich frei verwirklichen. Wenn beide erkennen, dass sie zusammen regelmäßig gießen, Unkraut jäten und sich um die Wurzeln kümmern müssen, wächst ein Ort, der beiden Schutz, Schönheit und Ernte schenkt – und der mit der Zeit immer reicher wird.
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¹Hutt, Rosamond: The hottest new craze for German millennials? Gardening. weforum.org (05/2026).
²Oppermann, Hans: Zahl des Monats. In: ÖKO-TEST Nr. 7 (2021). S. 114.
³Raschke, Bernd: Deutschland und die Selbstversorgung. Planet Wissen | SWR (2023).
⁴Legath, Hans: Obstschwemme. Abendschau | SWR Retro (1963).
⁵Petermann, Barbara: Der Traum vom Schrebergarten. Erlebnis Hessen | hr (2024).
⁶Rohrhofer, Markus: Der Schrebergarten: Kleines Gartenglück. derstandard.at (05/2026).
⁷Lacher, Andrea: Ein eigener Garten für einen Euro am Tag. In: ÖKO-TEST Spezial. Nr. 2 (2020). S. 25.
⁸Mager, Horst: Selbstversorger-Glück! Gartenzeit | rbb (2022).
Fischer, Katarina: Deutsches Idyll: Der Kleingarten und seine Geschichte. nationalgeographic.de (05/2026).
⁹Kunze, Naïma & Moritz Zimmermann: Armut in Deutschland: Wenn das Geld trotz Arbeit nicht reicht. tagesschau.de (05/2026).
¹⁰Diederich, Marie: Heidelbeere Anbau-Guide: So erntest du 17 kg pro Pflanze. youtube.com (05/2026).
¹¹Eigner, Isabella: Fast ein Drittel hat Adipositas, krankhaftes Übergewicht. In: Stiftung Warentest Nr. 1 (2026). S. 12.
¹²Gottberg, Joachim von: Menschen haben immer weniger Sex. medienkurs.online (05/2026).








